Tradition in der Bundeswehr. Zum Erbe des deutschen Soldaten und zur Umsetzung des neuen Traditionserlasses

Donald Abenheim und Uwe Hartmann (Hrsg.):

Tradition in der Bundeswehr. Zum Erbe des deutschen Soldaten und zur Umsetzung des neuen Traditionserlasses, Miles-Verlag, Berlin 2018, 312 Seiten.

Dagmar Bussiek

„Die Tradition der Bundeswehr ist der Kern ihrer Erinnerungskultur. Sie ist die bewusste Auseinandersetzung mit der Vergangenheit in gewachsenen Ausdrucksformen. Tradition ist damit Bestandteil des werteorientierten Selbstverständnisses der Bundeswehr mit ihren militärischen und zivilen Anteilen. Sie festigt deren Verankerung in der Gesellschaft. Als geistige Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft verbindet Tradition die Generationen und gibt Orientierung für das Führen und Handeln.“ – Mit diesen Sätzen beginnen die neuen „Richtlinien zum Traditionsverständnis und zur Traditionspflege“ der Bundeswehr, unterzeichnet am 28. März 2018 in Hannover von der Bundesministerin der Verteidigung. Der vorliegende Sammelband hat sich zur Aufgabe gemacht, den für die Umsetzung der Richtlinien Verantwortlichen zu Seite zu stehen. Zu diesem Zweck wollen die Herausgeber Donald Abenheim und Uwe Hartmann theoretische Anstöße liefern, Funktionen von Tradition erläutern, Begriffe definieren, Zusammenhänge aufzeigen, auf Brüche und Defizite hinweisen und Vorschläge für die Praxis unterbreiten.

Die Auseinandersetzung mit den geistigen Grundlagen des Soldatenberufs ist in der Bundeswehr seit langer Zeit immer wieder ein Thema. Der neue „Traditionserlass“ – wie das ministerielle Dachdokument meist bezeichnet wird – hat den Anspruch auf Umsetzung innerhalb der Organisationsbereiche der Bundeswehr, soll Gestaltungsspielräume gewährleisten und Handlungssicherheit vermitteln. Die Zeichnung erfolgte anlässlich der Umbenennung der bisherigen „Emmrich-Cambrai-Kaserne“ in „Hauptfeldwebel-Lagenstein-Kaserne“. Die bisher nach dem preußischen General der Infanterie Otto von Emmrich (1848-1915) und der Schlacht von Cambrai (1917) benannte Liegenschaft erinnert seitdem an den Bundeswehrsoldaten Tobias Lagenstein, der 2011 mit 31 Jahren bei einem Anschlag in Afghanistan getötet wurde. Mit dem feierlichen Akt in der niedersächsischen Landeshauptstadt sollte symbolhaft zum Ausdruck gebracht werden, dass die so genannte bundeswehreigene Geschichte künftig stärker als bisher im Mittelpunkt von Traditionsbildung und Traditionspflege stehen wird.

Der Band „Tradition in der Bundeswehr“ beleuchtet das Thema aus ganz unterschiedlichen Perspektiven. Die Autoren sind militärischer oder ziviler Herkunft, vertreten diverse wissenschaftliche Disziplinen und bearbeiten Aspekte wie z.B. „Tradition aus politischer Sicht“ (Winfried Nachtwei) „Tradition und Resilienz in Gesellschaft und Militär“ (Dirk Freudenberg), „Tradition und Europa“ (Eberhard Birk), „Tradition und Innere Führung“ (Claus von Rosen), „Tradition und Ethik“ (Reinhold Janke) oder „Tradition und strategische Kommunikation“ (Stefan Klein). Unter der Überschrift „Der Wald und die Bäume“ diskutiert Klaus Naumann verschiedene Spannungsfelder in der Traditionsdebatte der Bundeswehr, die er aus den Vorträgen und Gesprächsrunden der Workshops zur Erarbeitung des neuen Erlasses destilliert hat. Uwe Hartmann plädiert für eine Renaissance des Begriffs der Erziehung, denn: „Traditionspflege ohne Pädagogik ist nicht möglich.“ (S. 215) Helmut R. Hammerich bietet eine systematische Übersicht über mögliche Bezugspunkte der Traditionspflege unter dem Motto „Mit Stolz Tradition stiften“. Einen anspruchsvollen Themenkatalog für die historische Bildung in der Bundeswehr legt Peter Andreas Popp in seinem den Band abschließenden Beitrag „Tradition als Gegenwartsproblem und Zukunftsaufgabe“ vor. Apropos Reihenfolge: Wer sich in dem Thema des Buches spontan nicht ganz sattelfest fühlt, dem seien als Einstieg die Ausführungen von Reiner Pommerin „Weder Geschichte noch Brauchtum: Tradition“ empfohlen, denn hier werden in vorzüglicher Weise die Schlüsselbegriffe definiert und dadurch nutzbar gemacht.

Den Auslöser für die unter den veränderten sicherheitspolitischen Bedingungen längst überfällige Überarbeitung des „Traditionserlasses“ – der Vorgänger stammte von 1982 – stellten eine Reihe von Affären innerhalb der Bundeswehr dar, die in der Öffentlichkeit Aufsehen erregten. Zu nennen sind hier die vermeintlichen Rituale in Pfullendorf und der Skandal um Oberleutnant Franco A., der sich als syrischer Flüchtling anerkennen ließ und möglicherweise rechtsterroristische Aktionen plante. Diese Vorfälle, die im Jahre 2017 eine Durchsuchung sämtlicher Kasernen nach Wehrmachtsdevotionalien zur Folge hatten, kommentiert Donald Abenheim, Associate Professor im Department of National Security Affairs an der Naval Postgraduate School in Monterey/CA, mit den Worten, wie in einem Fritz Lang-Film sei „die Geschichte des Franco A. von einer bizarren Wendung zu einer noch absurderen“ gelangt: „Aussortierte Gegenstände des militärischen Alltags, Waffen und Helme waren plötzlich allgegenwärtig. Es wurde behauptet, diese Objekte besäßen die Macht, Soldaten zu den Klängen von ´Schwarzbraun ist die Haselnuss` in Feinde der freiheitlich-demokratischen Grundordnung zu verwandeln.“ (S. 117/118) Abenheims Betrachtungen der zivil-militärischen Beziehungen in Deutschland entbehren nicht der Polemik – und sind zugleich besonders lesenswert, denn der scharfe Blick „von außen“, der Blick des US-Amerikaners auf Deutschland, wirkt ebenso provozierend wie erhellend. Jenen Lesern, die einen empirischen Ansatz bevorzugen, sei die datengesättigte Studie der Historikerin Sarah Katharina Kayß zu „Tradition und Identität“ empfohlen, die auf Interviews mit jungen Offizieren und Offiziersanwärtern beruht. Kayß arbeitet heraus, dass eine zu starke Betonung der NS-Vergangenheit und ein vorgegebenes Geschichtsbild erdrückend empfunden würden, zugleich jedoch die deutsche Geschichte als positiver Motivationsimpuls wirke – „wenn auch nur in der Abgrenzung zu ihr. (…) Ziel der angehenden Offiziere war es, ihr Wissen um die Vergangenheit aktiv einzusetzen, um Menschenrechtsverletzungen in der Gegenwart entgegenwirken zu können.“ (S. 240/241)           

Mit der allgemeinen Vernachlässigung der Inneren Führung, die mehrere Autoren konstatieren, ist ein Kernthema des Sammelbandes angesprochen. Doch auch die Tatsache, dass der neue Erlass „Verlierer“ (S. 9) hervorbringt, wird berücksichtigt. Hier ist an die Bewertung der Nationalen Volksarmee der DDR zu denken und damit an einen Aspekt, den ich aus meiner Lehrerfahrung an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg bestätigen kann: Sobald das Thema „Tradition“ im Rahmen historischer Bildungsveranstaltungen zur Diskussion gestellt wird, melden sich junge Menschen aus den neuen Bundesländern zu Wort, häufig Söhne und Töchter von NVA-Angehörigen, die den  Umgang mit der Armee ihrer Väter kritisieren. Enttäuschungen dürfte es auch aus anderen Gründen geben: Dass der bewaffnete Kampf im neuen Erlass zu wenig Berücksichtigung finde, ist eine weit verbreitete Klage. Einen entsprechenden Standpunkt vertritt in dem vorliegenden Band v.a. Marc-André Walther: Unter dem Titel „Tradition und Kampf“ problematisiert er die fehlende gesellschaftliche Anerkennung militärischer Eigentümlichkeiten im Allgemeinen und der Leistungen der „Generation Einsatz“ im Besonderen. Wie die Herausgeber in ihrer Einleitung zu bedenken geben, hätte die stärkere Betonung des Kampfes jedoch vermutlich kontroverse politische Debatten ausgelöst und den bestehenden Konsens rund um die Neufassung des Traditionserlasses gefährdet. 

„Bis zum nächsten Mal?“ – so lautet die Frage, die Heiko Biehl und Nina Leonhard ihrer soziologischen Betrachtung voran stellen. Sie vermuten, dass die im neuen Erlass angeordnete Fokussierung auf die bundeswehreigene Geschichte dazu führe, dass die Aufbaugeneration zukünftig kritischer unter die Lupe genommen werde und dass die Debatte deshalb weiterhin im Schatten der Wehrmacht stattfinden werde. Diese Prognose wirkt überzeugend. Umso mehr Sinn macht es, in der Zwischenzeit einmal dieses Buch zur Hand zu nehmen, um „kritische Würdigungen in Impulse für die praktische Umsetzung des Erlasses umzumünzen“ (S. 9), wie die Herausgeber schreiben. Die Autoren argumentieren z.T. kontrovers und dabei immer gut verständlich, die Einleitung bietet knappe Zusammenfassungen aller Artikel und ist sauber strukturiert, die „Richtlinien zum Traditionsverständnis und zur Traditionspflege“  befinden sich im Wortlaut im Anhang. Gewünscht hätte man sich eventuell noch eine Abhandlung von psychologischer Seite sowie eine stärkere Vertiefung des nur sehr knapp angerissenen Diversity-Komplexes. Insgesamt jedoch liegt eine Publikation vor, die wärmstens zur Lektüre empfohlen werden kann. Die Frage, was das gültige Erbe des deutschen Soldaten ist, bleibt. Sie sollte in einer gemeinsamen Anstrengung von Militär und Zivilgesellschaft weiter durchdacht werden. Die hier versammelten Analysen bieten dafür zahlreiche Anregungen.