Panzergrenadiere in urbanen Operationen im Gefechtsübungszentrum des Heeres (GefÜbZH)

Von Oberstleutnant Peter Makowski, GefÜbZH

Einleitung:

Ein erster Teil (225 Gebäude) der europaweit einzigartigen militärischen Übungsstadt SCHNÖGGERSBURG im GefÜbZH ist offiziell am 26 Oktober 2017 übergeben worden. Soldaten der Bundeswehr  und aus anderen Nationen sollen dort künftig in urbanen Operationen ausgebildet und beübt werden. «Die Einsätze der Vergangenheit haben uns gelehrt, dass das Umfeld, in dem wir kämpfen müssen, nicht mehr die freie Fläche ist, sondern der urbane Raum», sagte Generalleutnant Frank Leidenberger für das Heer bei der feierlichen Schlüsselübergabe.

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Bild 1: Scherenschnitt: Generalleutnant Frank Leidenberger (v. l.) Bundes-Staatssekretär Markus Grübel und Landes-Staatssekretär (Sachsen-Anhalt) Michael Richter auf der Eiserbrücke in Schnöggersburg (Quelle GefÜbZH)

 

Urbane Operationen

Mit schnell wechselnden Lagen und Intensitäten stellen Operationen im urbanen Umfeld eine große physische und psychische Herausforderung dar. Gleichzeitig und auf engem Raum können verschiedenste Aufträge aus dem gesamten Intensitätsspektrum auszuführen sein.

Kampfhandlungen, die Wahrnehmung von Polizei- und Ordnungsaufgaben sowie Hilfeleistungen für die Bevölkerung können parallel stattfinden und fordern von den eingesetzten Kräften Eigeninitiative, Verantwortungsbewusstsein und Kompetenz.

Die klare Unterscheidung zwischen regulären Streit- und Sicherheitskräften, irregulären Kräften und Zivilbevölkerung wird schwieriger.

Hier liegen genau die Unterschiede zum Orts- und Häuserkampf. Wurde bisher in Annahme der Evakuierung der Bevölkerung „nur“ gegen einen regulären Feind gekämpft, so sind die Wesenszüge von urbanen Operationen wesentlich vielschichtiger. Während an einer Stelle gegen einen organisierten Feind gekämpft werden muss, können an anderer Stelle wiederum Aspekte von Stabilisierungsoperationen oder humanitärer Hilfe verlangt werden.

Hinzu kommen viele Aufgaben nicht rein militärischer Natur, z.B. Wasser- Nahrungsversorgung der Bevölkerung, hoheitliche administrative Aufgaben usw. Zu diesem Zweck ist es notwendig, dass ein vstk Verband in urbanen Operationen über alle notwendigen „Enabler“ (Feldjäger, CIMIC, HUMINT etc.) verfügt.

Schwerpunkt der Ausbildung und Übungen im GefÜbZH

Die Befähigung der TE, Einh, Vbd zur Führung offensiver oder defensiver Aktivitäten nach dem Führungsprinzip OpvbuKr, ebenengerecht, SK-gemeinsam und multinational, auch luftbeweglich und im Zusammenwirken mit nationalen

Regierungsorganisationen sowie nicht staatlichen Organisationen, ist der bestimmende Faktor für die Ausbildung. Ziel dabei ist das Gewinnen und Ausüben der Kontrolle im urbanen Umfeld, in der Luft, ober- und unterirdisch.

Dabei kann die Kontrolle eines urbanen Raumesgegen einen organisierten oder ortskundigen Gegner oft nicht in einem Zug erreicht werden. Lageabhängig wird deshalb ein

– indirektes,

– objektbezogenes oder

– abschnittsweises Vorgehen

zum Gewinnen der Kontrolle angewandt.

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Bild 2, Beispiel „objektbezogenes Vorgehen“ (Quelle GefÜbZH)

 

Rolle der Panzergrenadiere

Der gemischte Einsatz von Infanterie und Panzertruppenist im urbanen Umfeld die Regel. Das Gewinnen der Kontrolle ist die vorrangige Aufgabe der zum infanteristischen Kampf befähigten Kräfte und damit Schwerpunkt der Ausbildung.

Dabei werden sie lageabhängig durch die Panzertruppe, immer aber durch Kampfunterstützungskräfte unterstützt, sodass das Zusammenwirken dieser Kräfte bereits in der Ausbildung zu berücksichtigen ist.

Ausgehend von dieser Vorgabe sind Panzergrenadiere in jeder urbanen Operation die Hauptleistungsträger, da sie gem. der Einsatzgrundsätze sowohl auf- und abgesessen einsetzbar sind.

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Bild 3, Panzergrenadiere in urbanen Operationen (Quelle Fa. RME und GefÜbZH)

 

Ausbildung und Übungen „Heute“

Derzeit sind an Infrastruktur 225 Gebäude, ein Sakralgebäude, das Industrieviertel mit Tanklager/Chemiefabrik, die Kanalisation (ca. 600m), das Wasser- und Umspannwerk, zwei Hochhäuser, das Elendsviertel (260 Container), der Flugplatz (erste Landung C 130 in 2016) und drei bewegliche Brücken für Ausbildung und Übung freigegeben. Eine Auswertefähigkeit im urbanen Ballungsraum analog der technischen Möglichkeiten Truppenübungsplatz ALTMARK unter den Bedingungen der Live-Simulation sind derzeit noch nicht gegeben.

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Bild 4, „Weststadt“ SCHNÖGGERSBURG frei für Ausbildung und Übungen (Quelle GefÜbZH)

 

Ein erster Übungsdurchgang (nur GefÜbZH) hat im Januar stattgefunden. Weitere werden derzeit vorbereitet. Diese erste Nutzungsphase endet im April 2019, da dann nochmals infrastrukturelle Maßnahmen (Einbau der Netzwerkinfrastruktur Mobiles Auswertesystem infanteristischer Einsatz, kurz MASIE) erfolgen müssen.

Pilotübungen urbane Operationen in SCHNÖGGERSBURG

Unter Federführung des Amtes für Heeresentwicklung wird vom 19.03. bis zum 28.03.2018 der zweite Abschnitt der Pilotübungsreihe (Durchgang 06/2018) zum Aufwuchs der Fähigkeit des Gefechtsübungszentrums des Heeres zur Führung von urbanen Operationen im Ballungsraum SCHNÖGGERSBURG durchgeführt.

Grundlage für die schrittweise Weiterentwicklung ist hierbei die Weisung des Inspekteurs des Heeres aus dem Jahr 2015, in welcher der Amtschef des Amtes für Heeresentwicklung als Beauftragter für die Weiterentwicklung für das „System Gefechtsübungszentrum Heer“ beauftragt wurde, die Befähigung des Zentrums zur Unterstützung von Ausbildung und Übung in urbanen Operationen und parallel die Fähigkeit zur Führung entsprechender Operationen bis 2021 sicherzustellen.

Die Pilotübungen dienen unterschiedlicher Erkenntnisinteressen.

Während das Amt für Heeresentwicklung die in der Bereichsrichtlinie „Führung von KpfTr im urbanen Umfeld (Entwurf)“ festgelegten Grundsätze für die Durchführung von urbanen Operationen, geführt nach dem Prinzip Operation verbundener Kräfte, in der Ebene vstk Einheit und vstk Verband überprüft, soll GefÜbZH Erkenntnisse über die aus der Anlage, Durchführung und Auswertung der PilotÜb resultierenden Anforderungen an das in Leitung, Auswertung  und Ausbildung eingesetzte Personal sowie zusätzliche Erkenntnisse für die Nutzung von SCHNÖGGERSBURG gewinnen.

 

Ausbildung und Übungen „Morgen“

Alle infrastrukturellen Tätigkeiten, die Regeneration aller systemwichtigen Komponenten und die Integration neuer Fähigkeiten werden im März 2021 erfolgt sein. Ab diesem Zeitpunkt stehen dem Heer im GefÜbZH erheblich verbesserte Ausbildungsmöglichkeiten zur Verfügung.

Ausbildung und Übungen von urbanen Operationen sind dann in SCHNÖGGERSBURG mit 520 Gebäuden, unterirdischer Infrastruktur (Kanalisation und U-Bahntunnel), 4 Hochhäusern, 5 beweglichen Brücken usw. möglich.

Die Auswertefähigkeit des GefÜbZH wird analog zu den jetzigen Fähigkeiten auch in der gesamten Infrastruktur SCHNÖGGERSBURG sichergestellt. Ermöglicht wird das im Wesentlichen durch zwei neue technische Produkte.

AGDUS Handwaffen 2. Generation

 

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Bild 5, Körperausstattung AGDUS 2.Gen. (Quelle Fa. RME)

 

Die neue Ausstattung wird mit ca. 2,5 kg Gewicht weniger als die Hälfte der alten Ausstattung wiegen und mit allen Ausstattungsvarianten wie IdZ ES, Boarding-Ausstattung und SiDaF tragbar und kompatibel sein.

Das neue Batteriemanagement erlaubt einen Einsatz von bis zu 72 Stunden ohne Batterietausch. Damit fällt in der Einsatzübung II im GefÜbZH der organisatorisch notwendige  mehrmalige Batterietausch weg.

Die Laserdesignatoren werden technisch so verändert, dass sowohl, wie bisher, die Hauptschussweiten der verschiedenen Handwaffen abgebildet werden können, als auch Gebäuderaumentfernungen (ca. 1m).

Es fällt der sogenannte „live-key“ weg, der alle Daten des Schützen speichert. In Zukunft erfolgt die Kopplung der Körperausstattungen mit der Waffe per automatisiertem Datenfunk.

Somit wird es leicht möglich sein, Waffen oder Wirkmittel (Handgranate etc.) schnell von einem zum anderen Schützen zu übergeben.

Einsatzkräfte, die mit Hubschrauber oder Flugzeug transportiert werden, können die Ausstattungen während des Fluges bereits anlegen, da mit dem Status „Flugmodus“ die Sendeleistung der Geräte ausgeschaltet wird.

 

MASIE – Mobiles Auswertesystem infanteristischer Einsatz

MASIE ermöglicht eine Auswertung in Gebäuden und auch unterirdischer Infrastruktur in SCHNÖGGERSBURG analog zu den bestehenden Fähigkeiten „auf freiem Feld“ des GefÜbZH.

In der Zentrale GefÜbZH wird durch die Integration der 3-D fähigen Hard- und Software ein „Hineinsehen“ in die Gebäude ermöglicht. Mit Außen- und Innenkameras werden zusätzlich „live stream Online-Aufnahmen“ ermöglicht, um die Auswertefähigkeiten Video weiter zu verbessern.

Das Positionieren von Personen und Fahrzeugen im GefÜbZH wird mit Hilfe von GPS-Daten ermöglicht. Damit dies zukünftig auch in Gebäuden verlässlich funktioniert, werden diese mit einer „virtuellen“ GPS-Umgebung ausgestattet.

Die Gebäude müssen somit mit einer „virtuellen“ GPS-Umgebung ausgestattet werden.

 

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Bild 6, Positionierungssatz „Indoor“, (Quelle GefÜbZH)

Bisher war es unmöglich, beim Beschuss eines Gebäudes durch den AGDUS-Laser einen Effekt im Inneren zu erzielen. Dies ist aber ein elementarer Anteil von urbanen Operationen.              Diese Fähigkeit wird durch an den Außenfassaden der Gebäude zu adaptierende Detektoren erreicht, die eine Waffen- oder Wirkmittelwirkung in das Innere tragen.

Durch eine Effektdarstellung (Knall, Rauch, Feuer) wird den Soldaten im Inneren des Gebäudes angezeigt, dass auf das Haus gewirkt wird.

 

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Bild 7, Fähigkeit durch Wände zu wirken (Quelle GefÜbZH)

 

Zusammenfassung

Ab 2021 kann im GefÜbZH auf der Ebene verstärktes Kampftruppenbataillon in allen Operationen auch „urban“, mit allen Truppengattungen des Heeres und „joint“ ausgebildet und geübt werden. Mit der technischen Regeneration wird auch die Fähigkeit multinational zu üben durch Verbesserung der Interoperabilität zu Live-Simulationssystemen anderer Nationen erheblich verbessert.

Ausbildung und Übungen in SCHNÖGGERSBURG finden in einem komplexen Umfeld und einsatznah statt. Das GefÜbZH kann flexibel auf den Wissenstand der Übungstruppenteile eingehen und somit auch die durch den Truppenführer vorgegebenen Ausbildungsziele erreichen. Die anspruchsvolle Infrastruktur kann hierbei modular genutzt werden.

Diese Mischung von Live-Simulationstechnik und Infrastruktur ist in Europa einzigartig und eröffnet  Möglichkeiten der Ausbildung der Truppenteile des Heeres, die auch außerhalb Europas nur selten zu finden sind.

Mit der abgeschlossenen Regeneration und der vollständigen Inbetriebnahme von SCHNÖGGERSBURG wird das GefÜbZH zu einem GefÜbZH 2.0.