Die unsichtbaren Veteranen – Verantwortung nach dem Einsatz

von Marcus Grotian

„[Der Sammelband] ist eine Botschaft an die Gesellschaft, sich angemessen um ihre aus dem Einsatz zurückgekehrten Soldaten zu kümmern, Gefallene nicht zu vergessen und sich Hinterbliebenen wie verwundeten Heimkehrern mehr als bisher hinzuwenden. Damit handelt es sich um ein Buch, dass alle deutschen Bürger angeht. Seine Gedanken und Vorschläge verdienen höchste staatliche und gesamtgesellschaftliche Beachtung. Schon deshalb ist dem Werk ein großer Leserkreis und Verbreitung zu wünschen.“

Friedrich Jeschonnek, Hardthöhen Kurier 

 

Vorbemerkung

In der letzten Ausgabe dieser Zeitschrift wurde damit begonnen, Auszüge aus dem Buch »Die unsichtbaren Veteranen. Kriegsheimkehrer in der deutschen Gesellschaft« von Major Marcel Bohnert und Kapitänleutnant der Reserve Björn Schreiber (Miles-Verlag, 2016) zu veröffentlichen. Heute gewähren wir einen kurzen Einblick in den Aufsatz „Verantwortung nach dem Einsatz“ von Oberleutnant Marcus Grotian, der derzeit Dienst am Einsatzführungskommando der Bundeswehr in Potsdam leistet und zuletzt mit dem Panzergrenadierlehrbataillon 92 im Rahmen der Task Force Kunduz III im Afghanistan-Einsatz war. Mit dieser und zukünftigen Publikationen ist die Hoffnung verbunden, dass auch in unserer Truppengattung mittelfristig lebhafte Diskussionen über den Status, die Versorgung und die Anerkennung von Veteranen und Einsatzsoldaten in Deutschland entstehen.

Titelbild

Auf der Facebook-Seite »Der unsichtbare Veteran« besteht die Möglichkeit, sich mit Oberleutnant Marcus Grotian sowie den anderen Autorinnen und Autoren auszutauschen und über das Veteranenthema oder die Inhalte des Buches zu diskutieren. Davon machen inzwischen fast 10.000 Facebook-Nutzer Gebrauch.

Auszug aus dem Buchbeitrag »Verantwortung nach dem Einsatz«

„Mein Onkel wurde getötet, und meine Großmutter auf offener Straße verprügelt. Sie drohten uns, dass einer aus der Familie für sie kämpfen muss, sonst würden alle sterben. Da mussten wir fort.“

Was sich noch 2016 wie eine „normale“ syrische Flüchtlingsgeschichte anhört, ist bei näherer Betrachtung der Bericht einer Flüchtlingsfamilie aus Kunduz zu Beginn der jährlichen Frühjahrsoffensive der Taliban. Doch entgegen den medial gut aufbereiteten syrischen Schicksalen findet das Los der Afghanen kaum Beachtung. Die Frühjahrsoffensive im Raum Baghlan-Kunduz, das Ringen der afghanischen Sicherheitskräfte, die Brutalität der Taliban in den (wieder) besetzten Gebieten: Alles keine Schlagzeile mehr wert. Deutsches Blut im Staub Nordafghanistans versickert und wird von den politischen Ereignissen weggespült. Was bleibt, sind Fragen und eine Generation von Soldaten, die in einem Einsatz waren, den manch einer mit dem Begriff „kriegsähnliche Zustände“ umschreiben würde. Aber die nicht selbst entscheiden können, ob sie sich nun Veteranen nennen dürfen. Ich dürfte es gemäß Arbeitspapier des Bundesministeriums für Verteidigung zum Beispiel nicht, da ich noch aktiver Soldat bin.

Wer in Afghanistan war, weiß, dass wir untereinander sehr genau wahrnehmen, wer wo eingesetzt war, und wie es zu der speziellen Zeit damals war. Wir vergessen dabei, dass es für einen Außenstehenden diese Nuancen nicht gibt. Wenn ich von meinem Einsatz erzähle, geschah dabei nichts Spannendes. Gut, die zwei Raketen die über uns hinweggeflogen sind, sind ja 500 m weiter weg eingeschlagen. Und der Anschlag gegen den Kommandeur des Provincial Reconstruction Teams, am zweiten Tag meines Einsatzes in Kunduz, war locker 800 m weit entfernt. Als der Apache, in der Luft schwebend über dem Lager, auf einmal das Feuer eröffnet auf das Nachbardorf hat… das war schon ein wenig wie im Film. Und als ich einmal die Waffe im Anschlag hatte und dachte ich muss jetzt um mein Leben kämpfen – nur ein Missverständnis. Für die zivile Gesellschaft gehört davon nichts zur Lebenswirklichkeit. 

Facebook Titelbild

Ölgemälde in der Offizierheimgesellschaft der Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg zur Erinnerung an die Einsatzveteranen der Task Force Kunduz (gezeichnet von Renate Bonét)  

Durch die Tür gehen

Ich möchte von einem sehr persönlichen Erlebnis in Kunduz berichten: Im Frühjahr 2011 zerrissen mehrere Anschläge unsere Einsatzvorbereitung um als Gefechtsverband im Raum Kunduz eingesetzt zu werden. Die gefallenen Kameraden des Schwesterverbandes im OP-North waren durch einen Afghanen in Polizeiuniform im Lager ermordet worden. Das Misstrauen gegenüber Afghanen, mit denen wir eigentlich zusammenarbeiten sollten, und die überall in den Lagern waren, wurde dadurch nicht weniger. Kurz darauf fiel ein Offizier unseres Vorgängerkontingents. Ein guter Kamerad aus unserer Mitte musste daher schon vorab in den Einsatz verlegen, um die entstandene Lücke zu schließen. Die familiäre und psychische Belastung kann ich nur erahnen. Wie erklärt man seiner Frau, dass schon alles gut wird, wenn der Vorgänger gefallen ist? Der Anschlag auf General Kneip und die dabei gefallenen und teilweise schwerstverwundeten Kameraden und Afghanen zeigten noch einmal eindrucksvoll die Gefahren – auch an scheinbar sicheren Orten. Kaum mehr als einige Tage, nachdem ich bei der Trauerfeier in Hannover unserem gefallenen Kameraden das letzte Geleit gegeben habe, stand ich nun also selbst in Kunduz.

Ca 23:30 Uhr am Abend sitze ich noch allein im Zelt meiner Abteilung, als Schüsse aus ca 200-300 m Entfernung mich aufschrecken. Dazwischen sind eine Reihe kleinerer Detonationen, und der Schein von Signalraketen flackert durch die halbgeschlossenen Fenster. „Innentäter“ blitzt es in meinen Gedanken auf, und ich ziehe meine Pistole. Im Freien steigert sich das Stakkato der Abschüsse, als es ein kratzendes Geräusch aus dem Bereich der Zelttür gibt. Ich nehme mein Sturmgewehr, lade fertig, entsichere und gehe in Anschlag. Die Sekunden verrinnen, doch außer das der Feuerkampf draußen immer wilder wird und näher kommt, passiert an der Tür nichts. Ich höre neben dem Gefechtslärm Rufe und Schreie. Ich habe Todesangst. Was nun? Ich blicke mich um. Verstecken! Ich schaue 30 Sekunden lang nach einem Versteck… in einem Zelt… absurd… und verdammt… ist dies nicht der Moment wo es drauf ankommt?? Was muss getan werden?? Die Operationszentrale ist auch nachts besetzt, und wer zu ihr will, muss an unserem Zelt vorbei. Raus und kämpfen… ja… das wäre richtig… es klappert vom Bereich der Tür her…. ich gehe langsam auf sie zu… Ich höre laute Rufe näherkommen und ein hupendes Auto. Wie viele werden es sein… 4-5 schätze ich… ich stehe an der Tür… das Flackern schimmert durch die Zeltwand… Herzklopfen.. durchatmen… ich reiße sie auf… Finger am Abzug, bereit zu kämpfen…. und sehe Feuerwerk am Nachthimmel explodieren… Die Abschiedsfeier der Fallschirmjäger, die unser Vorgängerkontingent gestellt haben. Laut hupend wird der Kompaniechef durch das Feldlager gefahren… ich brauche 30 Minuten um mich zu beruhigen. Die Geräusche an der Tür stellen sich hinterher als Drucker heraus, der nachts seine Reinigungsprozedur startet. Keine Geschichte, die zu persönlichem Ruhm verhilft und somit bisher verschwiegen war…

Seitdem weiß ich für mich, dass ich durch „die Tür“ gehen kann … aber ich erinnere mich auch an die ungeheure Kraft der Todesangst – und dass ich 30 Sekunden nach einem Versteck gesucht habe. Ich habe mich mit drei Trägern der Tapferkeitsmedaille unterhalten und erfahren, dass jeder zu dem Orden noch eine Reihe weiterer Andenken mit sich trägt. Bilder gefallener Kameraden im Kopf, die sie nicht retten konnten zum Beispiel. Ich maße mir nicht an zu wissen, wie es Kameraden im Gefecht ging! Wie Kameraden in echter Gefahr Herausragendes geleistet haben, oder auch Fehler gemacht haben. Damit will ich mich nicht vergleichen. Aber ich weiß, seitdem ich Todesangst hatte, dass ich froh bin, den nötigen Mut gefunden zu haben.

Für mich und einige meiner Kameraden, die mit mir durch Ausbildung und Einsätze gegangen sind, war der Soldatenberuf immer mehr als die Arbeit als Verteidigungsbeamter. Auch wenn „hier nicht jeder Uniform trägt“, wie die Werbung einst so schön verlauten ließ. Berufszufriedenheit für Überzeugungstäter ist in solch einem Umfeld aber immer schwerer zu erreichen. Zumal die Nachhaltigkeit unserer Einsätze dem Diktat der Politik unterworfen sind. Wer einen Kameraden verloren hat beim Sichern einer Brücke, Stadt oder einer Region, die am nächsten Tag, dem nächsten Monat oder Jahr wieder in der Hand der Taliban ist, dem wird deutlich, dass politische Gründe des Handelns manchmal für den Einzelnen keine befriedigende Antwort geben können. Genauso wie der Dienstherr das nicht immer kann. Ich erinnere mich noch an einen Besuch im Zentrum für Innere Führung, wo einer der Mitherausgeber des Buches „Die unsichtbaren Veteranen“ und ich die Frage in den Raum warfen, warum den Truppen in Afghanistan denn nicht alle Möglichkeiten der Eskalation zur Verfügung gestellt werden, damit dann der Führer vor Ort entscheiden kann welches Mittel er einsetzt. Dies wurde am Kampfpanzer, und an der fehlenden CRC-Ausstattung (Crowd Roit-Controll, Schutzausstattung um demonstrierende Mengen in Schach zu halten) gefordert. Die Antwort des Oberstleutnant: spöttisch wurden wir gefragt, ob wir schon einmal etwas von demonstrierenden Mengen in Afghanistan gehört hätten. 10 Monate später mussten eine Handvoll deutsche Soldaten auf aufgebrachte Demonstranten mit Gefechtsmunition anlegen, weil sie keine milderen Mittel zur Verfügung hatten. Die CS-Gasflaschen, Schutzschilde und Schlagstöcke waren 2 Wochen nachdem man sie gebraucht hätte im Einsatz.

BuKain mit Buch  

Bundeskanzlerin Angela Merkel Ende 2016 von Journalisten umringt. In ihren Händen hält sie das Buch „Die unsichtbaren Veteranen“ von Marcel Bohnert und Björn Schreiber, in dem auch Marcus Grotian die Vollversion dieses Aufsatzes veröffentlicht hat.

Um selbst festlegen zu können, wie viel Nachhaltigkeit es sein soll, haben einige Engagierte den gemeinnützigen Verein „Patenschaftsnetzwerk Afghanische Ortskräfte e.V.“ gegründet. Wir betreuen und helfen den ehemaligen Ortskräften, die uns in Afghanistan zur Seite standen, sei es als Küchenkraft oder Übersetzer. Wir versuchen ihnen, die sie für uns Sprache und Kultur übersetzt haben, denselben Dienst hier in Deutschland zu erweisen. Aus unserer Sicht verdienen sie mehr, als in der Menge der Asylsuchenden unterzugehen. Sie alle haben bewiesen, dass sie unseren Werten näher standen und sie unseren Weg für ihr Land als vielversprechender sahen als den der Fundamentalisten. Eine kleine Gruppe Menschen also, die es aufgrund Ihres Einsatzes für uns alle verdient hat, dass man sie nicht vergisst und dass man auch ihnen beiseite steht. Wenn ich nur wüsste warum mir das so bekannt vorkommt…

Grotian_Wieker

Der ehemalige Generalinspekteur der Bundeswehr, General Volker Wieker, hat die Schirmherrschaft für das „Patenschaftsnetzwerk Afghanische Ortskräfte“ übernommen, dessen 1. Vorsitzender Oberleutnant Marcus Grotian ist (Foto: BMVg//U.Grauwinkel)

 

Autor:

Grotian

(Foto: Bundeswehr/Hannemann)

 

Oberleutnant Marcus Grotian ist Berufssoldat und absolvierte Auslandseinsätze in Bosnien, im Kosovo und zuletzt in Kunduz, Afghanistan. Er ist erster Vorsitzender des »Patenschaftsnetzwerks Afghanische Ortskräfte«. Dieser Verein steht deutschlandweit Afghanen zur Seite, die auf Grund ihrer Arbeit für deutsche Dienststellen ihr Heimatland verlassen mussten. Wenn Sie das Engagement von Oberleutnant Grotian richtig finden und das Patenschaftsnetzwerk unterstützen möchten, freut sich der Verein Sie als Mitglied begrüßen zu dürfen. Es entstehen außer dem Mitgliedsbeitrag von 18€ im Jahr keine weiteren Verpflichtungen! Mehr Informationen unter: www.Patenschaftsnetzwerk.de