The NATO Custodian of Regional Security

Wie alles begann

GenLt Hofmann

Von GenLt Manfred Hofmann

Als gemeinsame Initiative Dänemarks, Deutschlands und Polens wurde am 18. September 1999 das Multinational Corps Northeast (MNC NE) aufgestellt. Ein wesentlicher Grund hierfür lag in der Absicht der drei Gründernationen (Frameworknations) die Integration Polens in die NATO zu unterstützen, indem man ein gemeinsames militärisches Hauptquartier auf polnischem Boden aufstellte, das als Korpsstab „Lower Readiness“ in der NATO-Streitkräftestruktur diese Integrationsarbeit nach vorne treiben sollte. Mit dem Stab in der Ostseekaserne (Baltic Barracks) in Stettin, ist das Korps seit mehr als sechzehn Jahren ein Teil der Streitkräftestruktur der NATO und unverändert das einzige Korps des Bündnisses, das auf dem ehemaligen Gebiet des Warschauer Pakts stationiert ist.

Korpsstab MNCNEA

Im Korpsstab dienen heute nicht nur Soldatinnen und Soldaten aus den drei Frameworknations, die nach wie vor über ein „Corps Committee“, das im jährlich wechselnden Vorsitz zwischen Dänemark, Deutschland und Polen geleitet wird, die Entwicklung und den Einsatz des Korps entscheiden, sondern auch aus 18 weiteren Nationen. Darunter Schweden und Finnland, die keine NATO-Nationen sind. Für Einsätze im NATO-Rahmen wird das Korps nach Entscheidung der Frameworknations dem SACEUR OPCOM unterstellt.

Neben der Vorbereitung und Durchführung umfangreicher Übungsserien für affiliierte Truppenteile und notwendige NATO-Zertifizierungen haben sich Angehörige des Korpsstabs aller Nationen, Dienstgrade und Laufbahnen von Beginn an immer wieder in Einsätzen bewährt. Die Schwerpunkte lagen dabei in den Jahren 2007, 2010, sowie zuletzt 2014 im NATO Einsatz ISAF/Resolut Support in Afghanistan, die jeweils nahezu den ganzen Stab forderten. 2014 war aber noch in ganz anderer Hinsicht ein bedeutendes Jahr für das Korps.

Ein neuer Auftrag

Anfang September 2014 versammelten sich die Staats- und Regierungschefs sowie Außen- und Verteidigungsminister der 28 Mitgliedsstaaten auf dem NATO-Gipfel im walisischen Newport. Wie wir heute alle wissen wurde dort mit dem “Readiness Action Plan”(RAP) ein umfassendes Paket an Maßnahmen zur Reaktion auf die Veränderungen der Sicherheitslage im Euro-Atlantischen Raum beschlossen. Die Umsetzung der Maßnahmen im Bereich „Assurance Measures/Persistent Presence“ und „Adaptation“ beschäftigen uns seitdem Tag für Tag. Für das MNC NE führte die Gipfel-Entscheidung zur Erhöhung der Reaktionsfähigkeit; bei gleichzeitigem personellen Aufwuchs und Übernahme einer Verantwortung für das nordöstliche NATO-Bündnisgebiet im Zusammenhang mit dem RAP, zu einem radikalen Auftragswechsel. Als Reaktion auf das veränderte Sicherheitsumfeld an der Ost- und Südgrenze des Bündnisgebietes beschlossen die Verteidigungsminister bereits am 05. Februar 2015 die Fähigkeiten der NATO Response Force (NRF), mit der Aufstellung einer „Spearhead Force“ (Very High Readiness Joint Task Force – VJTF), deutlich zu erhöhen. Die VJTF soll in der Lage sein, mit einem entsprechenden Kräftemix und sehr schnell auf jegliche Bedrohung des NATO-Bündnisgebietes reagieren zu können. Dieser neue Teil der NATO Response Forces ist nach einer Testphase im Jahr 2015, die wesentlich durch das I.GE/NL Corps gestaltet wurde, nun tatsächlich in der Lage nach Alarmierung innerhalb weniger Tagen in ein Einsatzgebiet zu verlegen. Nie zuvor war die NATO befähigt, so schnell auf eine Bedrohung reagieren zu können.

Die Verteidigungsminister Dänemarks, Deutschlands und Polens setzten die Beschlüsse des Waliser NATO-Gipfels mit Blick auf die Rolle des MNC NE sehr schnell in die Tat um. Die Arbeit an einer neuen Struktur, der daraus sich ableitenden Personalmehrforderungen, der Erarbeitung der notwendigen Konzeptpapiere hatten im MNC NE schon Mitte 2014 mit einem Kernteam unter der Führung des Chef des Stabes begonnen. Nur durch dieses vorausschauende militärische Handeln und die schnelle, konsequente politische Umsetzung der Gipfel-Beschlüsse war deren schnelle organisatorische und inhaltliche Umsetzung möglich. In der gemeinsamen Erklärung der Verteidigungsminister zur Weiterentwicklung des MNC NE in Stettin heißt es dann auch:

VM DEU DK POL

“Durch die Erhöhung des Bereitschaftsgrads des Hauptquartiers wird die Fähigkeit zur Reaktion auf zukünftige Bedrohungen und Herausforderungen verbessert, um Führungsaufgaben im gesamten Auftragsspektrum des Bündnisses mit Schwerpunkt auf Artikel-5-Einsätzen und schnell verlegbaren Kräften wahrzunehmen. Die Stärkung des MNK NO dient der Verbesserung der NATO – Streitkräftestruktur und der Fähigkeit des Bündnisses, gemeinsam mit der NATO – Kommandostruktur das gesamte Spektrum von NATO-Einsätzen im neuen strategischen Umfeld abzudecken.”

Eine neue Rolle-Vielschichtige Herausforderungen

Der Auftrag des Korps lautet nun bis Ende 2017 die volle Einsatzbereitschaft als “High Readiness Corps” herzustellen und Führungsaufgaben innerhalb der gesamten Bandbreite von möglichen NATO-Einsätzen im nordöstlichen Teil des Bündnisgebiets zu übernehmen. Das bedeutet, die Herstellung der Reaktionsfähigkeit innerhalb von 30 Tagen, mit Teilen (OLRT, FCE, JLSG-CE) schon deutlich früher, und ein permanentes Halten dieser Zeitauflagen.

Als klar definierten Zwischenschritt soll das Korps bis zum NATO Gipfel in Warschau im Juli 2016 die volle Einsatzbereitschaft in vier aus dem RAP abgeleiteten Aufträgen erreichen.

Logo NATO Gipfel Warschau

Erstens soll das Korps zu einem teilstreitkräfteübergreifenden, flächendeckenden Lagebild an der nordöstlichen Flanke des NATO Gebietes beitragen (Joint Comprehensive Situational Awareness).

Zweitens sollen ab Mitte 2016 die NATO Joint Assurance Measures in der Region von Stettin aus koordiniert werden.

Drittens hat das Korps bereits seit 01. September 2015 die Führung über die neu aufgestellten NATO Force Integration Units (NFIU) in Estland, Lettland, Litauen und Polen übernommen. Ende 2016 werden zwei weitere NFIU in der Slowakei und Ungarn hinzukommen. Zu den NFIU mehr Informationen am Ende des Beitrags.

Und viertens hat das MNC NE den ständigen Auftrag, mit den OPCON unterstellten NFIUs, die schnelle Verlegung der VJTF/NRF und Folgekräfte in das NATO-Gebiet zwischen Estland und Ungarn zu gewährleisten, aber auch nach Entscheidung SACEUR die operative Führung der VJTF/IFFG und, nach TOA, auch der Host Nation Defence Forces (HNDF) zu übernehmen.

Dieser umfassende Auftrag wurde durch den Kommandeur des Joint Force Command BRUNSUM (JFC BS) mit der Beschreibung unserer Rolle als “The NATO Custodian of Regional Security” auf den Punkt gebracht. Dieser ergibt sich zudem auch aus der geographischen Lage des Korps, als einziges NATO Hauptquartier im Nordosten Europas, und als einziges Korps in der NATO Streitkräftestruktur mit einem fest zugewiesenen Verantwortungsbereich.

Sieben Nationen, die Personal nach Stettin entsenden, haben eine gemeinsame Grenze mit Russland, Weißrussland oder der Ukraine. Die drei baltischen Staaten sind sehr gut mit Personal im HQ vertreten, alle Visegrad-Staaten und die des Weimarer Dreiecks sind im Korpsstab vertreten. Damit verfügt das MNC NE jetzt schon über die umfassende regionale Expertise, um im Hinblick auf die permanente Analyse und Bewertung der regionalen Sicherheitslage einen wesentlichen, wertvollen Beitrag für das Gesamtlagebild des Bündnisses leisten zu können.

 

Der Weg nach Warschau

LVU MNC NE

Wie bereits erwähnt, wurde das MNC NE im Zuge des neuen Auftrages von Grund auf umstrukturiert. So ist das Hauptquartier in Bezug auf den Dienstpostenumfang von rund 200 auf über 400 Stellen aufgewachsen und hat neben einer Reihe neuer Funktionalitäten auch die Führungsebene Deputy Chief of Staff (DCOS) etabliert.

Dem Chef des Stabes unterstehen heute drei Stabsabteilungen (PLANS, OPERATIONS, SUPPORT), die jeweils durch einen Brigadegeneral geführt werden.

Neben den NFIUs ist dem Korps auch eine Führungsunterstützungsbrigade, bestehend aus polnischen Einheiten und dem deutschen Führungsunterstützungsbataillon 610 unterstellt. Im Vergleich zu anderen Korps der NATO Streitkräftestruktur ist dies ein Alleinstellungsmerkmal.

Unter der Bedingung eines sehr eng gesetzten Zeitplans, mit einer neue Struktur und zusätzlichem, neuem Personal die gesteckten Ziele erreichen zu müssen, gehen Individualausbildung, Teamausbildung und Ausbildung des gesamten Stabes Hand in Hand und zeitlich parallel. Dies gestaltet die tägliche Arbeit sehr herausfordernd, aber auch spannend.

Alle Soldatinnen und Soldaten des MNC NE bereiten sich voll engagiert und konzentriert auf die anstehende Zertifizierung, die vor dem NATO-Gipfel in Warschau stattfinden muss, vor. Diese wird Ende Mai während der Übung BRILLIANT CAPABILITY in enger Zusammenarbeit mit der spanischen VJTF durchgeführt. Der Plan zur Zertifizierung steht.

In den letzten Wochen vor dem Gipfel in Warschau liegt daher eine eng getaktete Abfolge von Übungen vor dem Korps. Insgesamt nehmen die Soldaten aus Stettin von Anfang April bis Mitte Juni an fünf entscheidenden Übungen teil, darunter auch die polnische Großübung ANAKONDA 2016.

 

Klein aber Fein

Nach einer intensiven Aufstellungsphase, die enger Zusammenarbeit und unter Führung des JFC BS durchgeführt wurde, führt das MNC NE seit 01.September 2015 die vier NFIU in Litauen, Estland, Lettland und Polen. Die NFIU in der Slowakei und Ungarn folgen bis Ende 2016.

Diese neuen NATO-Stäbe, die man als Verbindungs-und Koordinierungselemente zwischen den jeweiligen Nationen und der NATO verstehen muss, leisten seit dem einen wesentlichen Beitrag zur Erhöhung der  Reaktionsfähigkeit der NATO im Nordosten des Bündnisgebietes. Hauptauftrag der NFIU ist es, im engen Zusammenwirken mit MNC NE die Voraussetzungen zu schaffen, dass NATO-Kräfte schnell und reibungslos in ihren Verantwortungsbereich verlegt werden können.

Alle Maßnahmen, die im Verantwortungsbereich des MNC NE und der jeweiligen NFIU getroffen werden, um auf jedwede Bedrohung reagieren zu können, werden unter dem Hauptkriterium „Schnelligkeit/Reaktionsfähigkeit“ vorbereitet und müssen sich auch genau daran messen lassen. Ein anspruchsvoller Auftrag, dessen Planung und Vorbereitung außerordentlich akribisch und detailliert betrieben werden muss, damit er im Falle eines Falles in der Durchführung möglichst friktionsfrei funktioniert. Hier geht es um Aufnahme, Bereitstellung und Weiterverlegung von Kräften – im NATO-Englisch „Reception, Staging, Onward Movement“ (RSOM). Eine Aufgabe, die wir aus früheren Jahrzehnten in Deutschland kennen und perfekt beherrschten, erhält so wieder eine hohe Bedeutung. Doch auch hier gilt, wie in so vielen anderen Bereichen auch, was einmal aufgegeben wurde, dauert in der Wiederbeschaffung doppelt lange.

Als erste Übung unter dieser Überschrift wurde „Eagle Jump 2016“ durchgeführt. Erstmalig wurde der RSOM-Prozess zusammen mit den NFIUs geübt. Der Schwerpunkt von Eagle Jump 2016 lag darin, die richtige Führungsstruktur im Zusammenwirken JFC, VJTF, MNC NE und den NFIU zu finden und in der Überprüfung der im Konzept entwickelten Verfahren, die im Fall einer an der nordöstlichen Grenze des Bündnisses entstehenden Krise greifen sollen.

Über diesen Aspekt hinaus sind die NFIU wichtige Sensoren im Rahmen der Informationsgewinnung im Verantwortungsbereiche des Korps. Sie tragen zu einem aktuellen und umfassenden Lagebild bei (Situational Awareness). Gleichzeitig wird daran gearbeitet, den NFIU künftig eine koordinierende Rolle im Zuge von multinationalen Ausbildungen und Übungen (Persistent Presence/TACET) in ihren Stationierungsländern zuzuweisen und die laufenden NATO Assurance Measures in der Region zu unterstützen. Als ständige Hauptquartiere mit ca. 40 Dienstposten, von denen jeweils die Hälfte durch die Gastnation und die andere Hälfte multinational besetzt sind, sind die NFIUs ein wesentlicher Bestandteil des MNC NE, beginnend hoch oben im nördlichen Teil Estlands bis hinunter nach Ungarn.

Und nach Warschau?

Mit dem Erreichen des „Zwischenziels“ zum NATO-Gipfel in Warschau ist allerdings erst die halbe Wegstrecke geschafft. Die Zertifizierung als Land Component Command „LCC/HRF(L)“ in 2017 steht noch im Auftragsbuch. Der Ausbildungs- und Übungsplan ist und bleibt ambitioniert und fordernd. Gleichzeitig gibt er allen Angehörigen des MNC NE aber auch die Gewissheit, an einem wichtigen Projekt wesentlichen Anteil zu haben.

Noch befindet sich das MNC NE im Vorbereitungsmodus, aber schon bald wird es für SACEUR eine veritable Option sein, wenn es um die Frage geht, wer führt, wenn es zu einem Einsatz von NATO-Kräften im Nordosten des Bündnisgebietes kommt. Ein HQ in der Region, mit einer dauerhaft hohen Reaktionsfähigkeit rund um die Uhr und 365 Tage im Jahr. Das MNC NE steht für die Solidarität und Anpassungsfähigkeit der NATO und wie es unsere Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen einmal sagte: “Es ist ein unmissverständliches Zeichen des Westens, das Stärke und Besonnenheit ausgewogen demonstriere.”

Damit trägt das Korps zu Recht die Bezeichnung “NATO CUSTODIAN OF REGIONAL SECURITY”.