Provincial Reconstruction Teams in Afghanistan

Von Bernhard Chiari

Im Juni 2008 bewegte sich eine Fußpatrouille der Bundeswehr entlang der Hauptstraße von Feyzabad, Standort eines deutschen Provincial Reconstruction Teams (PRT) in der nordafghanischen Provinz Badakhshan.

Das friedlich anmutende Foto zeigt Soldaten inmitten der Bevölkerung. Die deutsche militärische Präsenz ging in Badakhshan am 9. Oktober 2012 zu Ende, als das Feldlager in Feyzabad feierlich an die afghanische Polizei übergeben wurde. Die Rückführung des Einsatzkontingentes zog einen Schlussstrich unter Jahre des militärischen Engagements, die in Feyzabad am 1. Oktober 2004 mit der Meldung der militärischen Einsatzbereitschaft des PRT begonnen hatten. Bis Ende 2014 werden die NATO-Kampftruppen Afghanistan verlassen haben. Art und Umfang einer Folgeoperation der International Security Assistance Force (ISAF) stehen bislang noch nicht fest.

Patrouille

Die PRTs waren Teil umfangreicher internationaler Aufbaubemühungen in den neun Provinzen Nordafghanistans. Im Frühjahr 2003 waren im Rahmen der ISAF etwa 2400 deutsche Soldaten eingesetzt, die meisten von ihnen in Kabul. Die UN-Resolution 1510 vom 13. Oktober 2003 schuf die Grundlage, den Verantwortungsbereich der ISAF über die Hauptstadt hinaus auszudehnen. Am 24. Oktober 2003 stimmte das deutsche Parlament einem entsprechenden Regierungsbeschluss zu. Von der »Insel Kunduz« aus sollte das Militär den zivilen Wiederaufbau in Nordafghanistan absichern, gemeinsam getragen durch das Auswärtige Amt (AA) sowie die Bundesministerien für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und Inneres (BMI). Das »Leuchtturm-Konzept« richtete sich zunächst auf die vier Provinzen Kunduz, Takhar, Baghlan und Badakhshan mit 85 000 qkm und 3,2 Mio. Einwohnern. 2003/04 entstanden zwei deutsche PRTs in Kunduz und Feyzabad. 2010 umfasste das deutsch geführte Regionalkommando Nord außerdem entsprechende Stützpunkte Ungarns, Schwedens, Norwegens und der Türkei. Die Bundesregierung hoffte darauf, mit den PRTs im Sinne des State-Building zu wirken, wenn die Not der Bevölkerung gelindert und deren Grundbedürfnisse befriedigt würden. Als kreative Notlösung für den möglichst effektiven Einsatz begrenzter Ressourcen erdacht, sah das PRT-Konzept die Beschränkung der Bundeswehr auf militärische Aufgaben bei der Schaffung eines sicheren Umfeldes vor. Erst im Lauf der Zeit wurden die Herausforderungen des Einsatzes erkennbar.

Auf taktischer Ebene funktionierte die Zusammenarbeit zwischen AA, BMVg, BMI und BMZ grundsätzlich. In den Bereichen des Bildungs- und Gesundheitswesens oder der Infrastruktur gelangen erhebliche Aufbauleistungen. Dennoch blieben die Bereitstellung ausreichender Ressourcen und die Koordinierung nationaler und internationaler Akteure ein hoher Anspruch. Fallweise konnten deutsche Kommandeure die Absetzung korrupter Provinzgouverneure, Distriktchefs oder Führer der Sicherheitskräfte erreichen. Zur Schaffung funktionierender staatlicher Strukturen und guter Regierungsführung fehlten ihnen aber meist die notwendigen Mittel.Seit 2006 gewannen die Taliban in Nordafghanistan erneut an Einfluss. Auf Regierungsvertreter und westliche Truppen wurden vermehrt Anschläge verübt. Nach dem Ende des Irak-Krieges wuchs die ISAF bis 2010 durch erhebliche Anstrengungen vor allem der USA auf 135 000 Soldaten an. Unter dem Schlagwort der »CounterInsurgency« (COIN, Aufstandsbekämpfung) sollten kinetische Operationen gegen Militante, verstärkte Präsenz in der Fläche sowie Aufstockung und Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte die afghanische Regierung in den Stand versetzen, die Sicherheitsverantwortung für das ganze Land zu übernehmen. Zwischen 2010 und 2012 flossen verstärkt auch deutsche Finanzmittel in den afghanischen Norden. ISAF und afghanische Sicherheitskräfte konnten die Aufständischen aus den Schlüsseldistrikten verdrängen. Afghanistan veränderte die Bundeswehr und insbesondere das deutsche Heer tiefgreifend. Der Einsatz brachte einen militärischen Professionalisierungsschub, der die Erfahrung von Kampf, Töten und Tod einschloss. Die Nachhaltigkeit der in Afghanistan erbrachten Aufbauleistungen werden die Jahre nach dem Ende der ISAF-Mission unter Beweis stellen müssen. Die Entwicklungen bis Ende 2013 deuten auf eine eher gemischte Bilanz hin.

Foto: Bundeswehr/Martin Stollberg