Korpsgeist – wohin damit?

Was ist ein Korpsgeist? Korpsgeist steht für das Zusammengehörigkeitsgefühl einer zu definierenden Entität, einer Gemeinschaft. Je größer die Gemeinschaft, umso geringer dürfte der Korpsgeist derselben insgesamt ausgeprägt sein. Je kleiner die Gemeinschaft ist, desto stärker muss er entwickelt sein, wenn diese Gemeinschaft erfolgreich agieren will. Korpsgeist existiert sowohl im zivilen wie auch im militärischen Leben. Im Weiteren möchte ich mich auf den militärischen Bereich beschränken.

??????????????????

Ein Korpsgeist ist nicht einfach so da! Conditio sine qua non für den Korpsgeist ist die funktionierende Kameradschaft. Ergänzend entwickelt er sich aus dem Zweck und den Zielen einer Gemeinschaft. Den generellen Korpsgeist gibt es also praktisch nicht, er ist je nach Gemeinschaft unterschiedlich konditioniert. Mit dem Zweck und den Zielen einer Gemeinschaft hat sich das hinzukommende Individuum zu identifizieren, ja sich sogar unterzuordnen. Es hat seine persönlich egoistischen Verhaltensweisen zum Wohle dieser Gemeinschaft hintanzustellen, quasi an der Garderobe der Gemeinschaft abzugeben. Man steht füreinander ein, man geht gemeinsam durch Dick und Dünn, man zieht am selben Strang, man hat volles Vertrauen in die Mitglieder, die Kameraden und Kameradinnen seiner Gemeinschaft. Dieses muss man leben, hier muss man investieren, nicht zuletzt unser kostbarstes Gut, die Zeit. Dann entwickelt sich Kameradschaft und ein Korpsgeist. Je stärker sich die Gemeinschaft am scharfen Ende unseres Berufes, am Kampf auf Leben und Tod orientieren muss, umso stärker ist zwingend der Korpsgeist auszuprägen. Also, selbstverständlich hat der FKPG einen Korpsgeist, aber der Korpsgeist der Teileinheiten, der Einheiten und der Verbände der Panzergrenadiertruppe ist stärker entwickelt, ja muss intensiver ausgeprägt sein. Ansonsten könnten diese nicht so erfolgreich weltweit ihre Aufträge erfüllen. Insofern ist der richtig funktionierende Korpsgeist ein Segen, der schnell wirkende Kit, der Gemeinschaften zusammenhält und der dem Ziel dient, Extremsituationen gemeinsam erfolgreich durch- und bestehen zu können.  

Von Übel wird der Korpsgeist immer dann, wenn sich der Zweck und die Ziele einer Gemeinschaft nicht am übergeordneten Gemeinwohl orientieren sondern in Konkurrenz dazu treten. Lassen Sie mich diesbezüglich einige Beispiele nennen. Der Wettbewerb z.B., die beste Gruppe in einer Kompanie zu sein, darf nicht zu Lasten der anderen Gruppen aufgrund der Nutzung unlauterer Mittel gehen. Ein Korpsgeist darf nicht dazu führen, Missstände oder Vergehen mit einem Deckmantel aus Unwahrheiten und Lügen gemeinsam zu verschleiern. Die Würde der Anderen ist immer unantastbar. Psychische und physische Unverletzbarkeit ist bei jedem Aufnahmeritual in eine „verschworene Gemeinschaft“ zu gewährleisten. Wenn also grundlegende Regeln des militärischen Miteinanders nicht mehr respektiert werden, dann ist mit Fug und Recht von einem übertriebenen, falsch verstandenen Korpsgeist die Rede. Glücklicherweise habe ich in meinen über 44 Jahren Dienst selten grundlegende Verstöße gegen den Korpsgeist erleben müssen.

Es gibt aber auch Gefahren für den effektiv funktionierenden Korpsgeist. Da ist an erster Stelle das Vertrauen zu nennen. Vertrauen innerhalb der jeweiligen Gemeinschaft aber auch das Vertrauen, das dieser Gemeinschaft von den unterschiedlichen übergeordneten Ebenen entgegengebracht wird. Wenn dieses Vertrauen nicht da ist, wenn dieses Vertrauen nicht erlebbar und spürbar ist, dann sprechen wir auch von vergifteter Atmosphäre, von toxic leadership. Wenn Gesinnungsschnüffelei oder Aufforderungen zum Denunziantentum zur Methode erhoben werden, dann ist ein funktionierender Korpsgeist gar nicht oder nur äußerst schwierig auszuprägen.

Weiterhin sind die Strukturen zu betrachten. Früher war das Unteroffizierkorps einer Kompanie überschaubar und ein Garant für das Funktionieren einer Kompanie. Heute sind diese Korps in vielen Kompanien kaum mehr in einem Raum unterzubringen. Eine Herkulesaufgabe für die „Mutter der Kompanie“, wenn sie hier einen Korpsgeist herausbilden will. Dafür braucht man viel Zeit, die aber aufgrund der noch sehr unflexiblen Ausführungsbestimmungen zur SAZV im Grundbetrieb kaum zur Verfügung steht. Obendrein sind die Unteroffizier- und Offizierheime und ihr Betrieb ein Quell steten Ärgernisses, da nur mit Schwierigkeiten und erheblichen Kraftanstrengungen, wenn überhaupt, aufrechtzuerhalten. Zu Strukturen gehört auch die Einführung von Funktionen für Controlling und Compliance. Hier gilt bei allem Verständnis für das Informationsbedürfnis der höchsten politischen und militärischen Führung, dass bei deren Ausführungsbestimmungen die Zentralisierung nicht dem Prinzip des Führens mit Auftrag zuwiderläuft und die Autorität der Vorgesetzten nicht noch weiter unterminiert wird.

Summa summarum ist festzustellen, der richtig verstandene Korpsgeist ist zwingend erforderlich, um den Auftrag optimal zu erfüllen und es ist an der Zeit, ihm in jederlei Hinsicht das Gewicht zu verleihen, das ihm zukommt. Wehren wir gemeinsam allen Versuchen, den Korpsgeist auf den verschiedenen Ebenen zu verwässern.

 

Panzergrenadiere – dran, drauf, drüber

Ihr Walter Spindler