Das Deutsche Heer – Die Zukunft im Blick

Von Generalleutnant Jörg Vollmer

Das  Heer  ist  seit  über  20  Jahren  wesentlicher  Träger der Stabilisierungsoperationen der Bun­deswehr. Seine Angehörigen haben dabei in den Einsätzen unter verschiedensten Rahmenbedingun­gen in einem dynamischen und komplexen Einsatzumfeld wechselnde Intensitäten erlebt und umfang­reiche Erfahrungen gesammelt. Wir hatten Gefallene und Verwundete zu beklagen. Gleichzeitig wurde aber auch ein großer Professionalisierungsschub erreicht. Diese Entwicklungen haben das Heer tiefgreifend geprägt. Wo vor 10 Jahren noch ungeschützte Geländewagen der Standard waren, bieten heute DINGO, BOXER und andere geschützte Fahrzeuge umfangreichen Schutz und Durchsetzungsfähigkeit.

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ISAF-Einsatz

Geschützt unterwegs – Das gepanzerte Transportfahrzeug BOXER in Afghanistan (Quelle: Bundeswehr/Krumbach)

Der Auftrag des deutschen Heeres ist über all die Jahre dennoch gleich geblieben. Wir müssen einsatzfähige und einsatzbereite Truppenteile für die gesamte Bandbreite von Stabilisierungsoperatio­nen bis hin zum hochintensiven Gefecht bereitstellen. Diese Kräfte sollen ihren jeweiligen Auftrag erfolgreich durchsetzen und erfüllen können. Damit schaffen wir größtmögliche Handlungsfreiheit für die Politik.

Ein Blick auf die Einsätze von gestern, die Herausforderungen von heute und die Folgerungen für das Morgen sollen einen kurzen Sachstand über die Lage des Deutschen Heeres aus Sicht des Kommandeurs Einsatz geben.

Einsätze – gestern und heute

Der Einsatz im ehemaligen Jugoslawien ist das bisher längste Engagement für das deutsche Heer und wird uns im Kosovo auch noch weitere Jahre binden. Rückblickend ist der Einsatz bereits jetzt ein Erfolg. Ausdruck davon ist, dass kaum 20 Jahre nach seinem Beginn Offiziere aus Serbien, Mazedonien und Bosnien Herzegowina wie selbstverständlich Dienst im Stab des Regionalkommandos Nord in Afghanistan leisten. In Afghanistan geht nach 13 Jahren der ISAF-Einsatz zu Ende; mit dem Jahreswechsel 2014/2015 wird er in die Resolute Support Mission überführt. Der Auftrag wechselt zu einer rein beratenden Tätigkeit auf höchster Ebene der Ministerien, Behörden und Korps. Zunächst wird sich die Bundeswehr weiter auf den Norden konzentrieren, aber bereits 2016 soll dann die gesamte internationale Präsenz in Kabul zusammengeführt werden. Und auch in Mali wird sich die Bundeswehr weiter engagieren und 2015 die Rolle der Füh­rungsnation übernehmen.

In Syrien und im Irak erwächst mit der fanatischen Terrororganisation Islamischer Staat eine völlig neue Bedrohung, die die Weltgemeinschaft bislang unterschätzt hat. Mit bisher nicht gekannter Bruta­lität wurden gut ausgebildete irakische Divisionen einfach überrannt. Der Islamische Staat führt das Gefecht mit großem Geschick, mit militärisch gut ausgebildeten Führern in den eigenen Reihen und unter Nut­zung von modernem Material. An der östlichen Grenze des NATO-Bündnisgebiets fällt Russland in eine Politik des letzten Jahrhunderts zurück. Die völkerrechtswidrige Annektierung der Krim und die Destabilisierung der Ost-Ukraine erschüttern die Sicht auf ein Land, das vor kurzem noch als enger Partner behandelt wurde. In Westafrika erschien die Ebola-Epidemie zunächst als ein rein medizini­sches Problem. Doch die Krankheit trifft ausgerechnet jene Staaten, die sich ohnehin in einer instabilen innen- und sicherheitspolitischen Lage befinden. Die destabilisierenden Auswirkungen von Ebola auf die gesamte Region sind derzeit noch nicht abschätzbar. Allerdings sprechen die Flüchtlingsströme eine eindeutige Sprache.

Die Erfahrungen der Vergangenheit haben gezeigt, dass jedes militärische Engagement immer nur ein Teil eines gesamtstaatlichen Ansatzes sein kann. Ressortübergreifendes Handeln muss mehr als bisher bereits in der Ausbildung gemeinsam unter konsequenter Ausrichtung auf die Einsatzerforder­nisse geübt werden. Wichtig ist ein gemeinsam anerkanntes Ziel. Vor allem ist zu definieren bis wann was durch wen zu erreichen ist – mit konkreten Folgerungen und Forderungen für die zur Verfügung stehenden Ressourcen.

Herausforderungen zukünftiger Konflikte

Wir sehen uns heute mit anderen Konfliktformen konfrontiert als noch vor 25 Jahren. Krieg ist heute ein Zusammenspiel unterschiedlichster Akteure und Interessen. Die Grenzen zwischen den Konfliktparteien verschwim­men zusehends. Begleitet wird dies von intensiver Propaganda-Arbeit. Krieg und Konflikt finden also nicht mehr nur auf weit entfernten Schlachtfeldern sondern ständig in allen Medien statt; mit dem daraus resultierenden öffentli­chen Handlungsdruck. In der Folge werden die Reaktionszeiten für das Heer immer kürzer, regionale Eingrenzungen diffus und mögliche Intensitätsspektren immer breiter.

Die gemeinsame Grundlage der Ausbildung im Heer ist unverändert die Befähigung zum Kampf. Nur so kann der Auf­trag des Heeres im gesamten Aufgaben- und Intensitätsspektrum erfolgreich erfüllt werden, von der Unterstützung beim Wiederaufbau, über die Konfliktverhütung bis hin zu Operationen verbundener Kräfte – umfassend, robust und durchsetzungsfähig. Diese  Befähigung  muss  verbunden  sein  mit Standfestigkeit und Geradlinigkeit, Situationsgespür und Disziplin der militärischen Führer. Deshalb werden die selbstverständlichen Wesensmerkmale deutscher Führungsphilosophie auch in Zukunft Bestand haben: bewegliche Operationsführung, Initiative, Überraschung, Reserven- und Schwerpunktbildung. Die Führerausbildung und das Prinzip von Führen mit Auftrag haben sich be­währt und bilden auch in Zukunft die Grundlage für eine erfolgreiche Auftragserfüllung. Einsätze  werden  schließlich auch  in  Zukunft  meist  in  einem  multinationalen  Kontext stattfinden. Dies hat Folgen für die Vorbereitung und die Ausbildung unserer Soldatinnen und Soldaten – von den Mann­schaftsoldaten bis zu den verantwortlichen Führern im Einsatzland. Die NATO, vermehrt aber auch EU und VN, setzen den Rahmen für die zwingend notwendige Interoperabilität. Dies ist der Schlüssel, um Seite an Seite mit unseren jeweiligen Partnern zu bestehen – und das Ganze häufig auch unter­halb der Verbandsebene. Die Zusammenarbeit muss bereits in der Ausbildung und in Übungen vertieft werden. Der Schwerpunkt liegt dabei unverändert bei denjenigen Partnern, mit denen wir am wahrscheinlichsten gemeinsame Einsätze bestreiten werden.

Die kurzen bis sehr kurzen Vorbereitungszeiten für Einsätze sind im Wesentlichen dem Erhalt der politischen Handlungsfreiheit geschuldet. Mit den Vorbereitungen für einen konkreten Einsatz kann erst dann begonnen werden, wenn hierzu ein klarer Auftrag vorliegt. Das führt zu hohem Planungs­druck mit Auswirkungen auf Einsatzvorbereitung, Personalauswahl und Ausstattung der Kontingente. Größtmögliche Flexibilität für die Politik und die militärische Führung ist nur zu erreichen, wenn die Einsatzbereitschaft des Heeres insgesamt weiter erhöht, einsatzbereite Großverbände fähigkeitsori­entiert bereitgehalten und lage- und zeitgerecht zusammengeführt werden, um im Einsatz den Auftrag durchzusetzen. Das HEER2011 ist dazu strukturell gut aufgestellt. Die  neuen  Brigaden  bilden  die  in  sich ge­schlossenen  Einsatzverbände, sind für den Kampf befähigt und verfügen darüber hinaus über das erforderliche Personal, um Ausbilder für fremde Streitkräfte oder Soldaten für multinationale Haupt­quartiere bereit zu stellen. Zur Auftragswahrnehmung stehen uns zwei gepanzerte Divisionen mit jeweils drei Kampfbrigaden, die Deutsch-Französische Brigade sowie die Division Schnelle Kräfte, verantwortlich für den luftgestützten Einsatz, Evakuierungsoperationen und schnelle Anfangsoperationen, zur Verfügung. Den Kern bilden unverändert gut ausgerüstete und hoch motivierte Bataillone als die Träger des Gefechts.

Fähigkeiten und Ausrüstung

Eine zentrale Rolle im zukünftigen Fähigkeitsspektrum spielt die streitkräftegemeinsame, taktische Feuerunterstützung zur Koordination des Luft-Boden und Boden-Boden Feuers. Eine weitere Her­ausforderung ist die Führungsfähigkeit. Diese ist rasch zu verbessern; hier gibt es großen Handlungsbedarf. Neue Generationen von Funkgeräten und Führungsmitteln insgesamt erfordern zusätzliches und höher qualifiziertes Personal für Planung, Einrichtung und Betrieb der neuartigen Kommunikationsnetze.

In den Einsätzen wird uns auch in Zukunft das Gerät zur Verfügung stehen, das wir zur Auf­tragserfüllung benötigen. Das System Heer kann aber nur erfolgreich sein, wenn unsere Soldaten mit den komplexen und neuen Waffensystemen auch im täglichen Dienst üben können. Allerdings wird es nicht mehr möglich sein, jeden Verband mit allem Gerät auszustatten. Deshalb erprobt das Heer federfüh­rend das sogenannte Dynamische Verfügbarkeitsmanagement. Einsatzrelevantes Großgerät wird den Verbänden jeweils bedarfsgerecht für die einzelnen Ausbildungsabschnitte zur Verfügung gestellt werden. Der Zulauf neuer Waffensysteme, wie beispielsweise TIGER, NH90, BOXER und PUMA, hat sich verzögert. Diese Systeme haben allesamt noch nicht die Einsatz- und Versorgungsreife; BOXER, Infanterist der Zukunft und die neuen Hubschrauber haben sich allesamt bereits im Einsatz in Afghanistan bewährt. Es war richtig, sie zum Schutz und zur Verbesserung der Durchsetzungsfähigkeit unserer Soldaten so früh wie möglich in den Einsatz gebracht zu haben. Jetzt muss die Übergabe in die Verantwortung der Truppe erfolgen. Alle Ebenen arbeiten mit Hochdruck an einer Lösung. Zur besseren Koordination finden deshalb regelmäßig runde Tische mit dem Inspekteur des Heeres statt.

SPz Puma in Abu Dhabi

Schützenpanzer PUMA während der Erprobung in heißer Umgebung (Quelle: Bundeswehr/Wilke)

Beim Personal stehen wir weiterhin gut da. Zwar gibt es regionale Unter­schiede, aber diese Herausforderung ist nicht neu. Insgesamt haben wir durch die längeren Verpflichtungszeiten der Mannschaftssoldaten eine deutliche Professionalisierung erreicht. Die durchschnittliche Verpflichtungsdauer beträgt heute bereits acht Jahre und wird demnächst bei zehn Jahren liegen. Daraus resultiert eine ganz neue Qualität von Soldaten. Und auch bei den Offizieren und Feldwebeln wurden durch die Veränderung der Laufbahnen und Aufwertung von Dienstposten eine deutliche Verbesserung und auch hier eine Professionalisierung erzielt.

Aktuelle Entwicklungen

Das deutsche Heer ist leistungsfähig. Das zeigen unter anderem die Vorbereitungen für eine mögliche Mission der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa in der Ukraine. Innerhalb kürzester Zeit wurden dazu Aufklärungskräfte mit LUNA bereitgestellt. Innerhalb weniger Tage waren das Material vorbereitet und die Kräfte verlegefähig. Dabei stand die Truppe vom ersten Tag an phasenweise in einer 48-Stunden-Bereitschaft.

Im irakischen Erbil bildet das Heer kurdische Peschmerga-Kämpfer aus. Auch hier wurden Personal und Material schnellst­möglich durchhaltefähig zusammengestellt, verlegt und sehr rasch vor Ort mit der Ausbildung begonnen.

Aus den Beschlüssen des NATO-Gipfels in Wales im September 2014 ist eine Reihe von Aufträgen für uns erwachsen. Das Multinationale Korps Nord-Ost, das bis­lang einen Low Readyness Sta­tus hatte, soll nun in kürzester Zeit zu einem High Readyness Korps aufwachsen und befähigt werden, Truppe zu führen. Es wird um etwa 200 Soldaten aufgestockt. Einen großen Anteil davon wird Deutschland stellen. Im Rahmen der „Reas­surance“-Maßnahmen der NATO wird das Engagement in den drei baltischen Staaten und in Polen intensiviert. Dazu wird das Heer beginnend ab 2015 regelmäßig Truppenteile in die vorgenannten Staaten verlegen. Sie werden in eine Vielzahl von Übungen eingebunden werden. Weiterhin wurde die Bildung einer Very High Readyness Joint Taskforce beauftragt. Deutschland wird sich mit bereits für die NATO Response Force zertifi­zierten Kräften an dieser Taskforce beteiligen. Ihr Auftrag wird es sein, innerhalb von zwei Tagen mit Vorauskräften verlegefähig und innerhalb von fünf bis sieben Tagen vor Ort ein­satzbe­reit zu sein.

Folgerungen für das Deutsche Heer

Die Dauer der Einsätze hat zu unterschiedlich ausgeprägten Erfahrungen in der Truppe ge­führt. Der Einsatz von gestern ist nicht der Einsatz von heute und die Erfahrungen sind damit nur be­dingt übertragbar. Die Fähigkeit zum Kampf ist vereinendes Element aller Einsätze. Deshalb werden wir zukünftig wieder so auszubilden, dass der Kampf in den Mittelpunkt rückt. Die Erfahrungen aus den Einsätzen werden, wo nötig und richtig, berücksichtigt und fließen in Vorschriften ein. Ausbildung wird wieder allgemein gültig und bewährte Einsatzgrundsätze und -verfahren werden verinnerlicht. Der Schlüssel zum Erfolg sind verbindliche Ausbildungsgrundlagen. Vorschriftenkonform ist auszubilden und nicht länger die jeweils situationsbedingte Ausnahme zur Regel zu machen. Wir müssen uns in der Ausbildung wieder auf die Kernaufträge der Truppengattungen und das Zusammenwirken im Gefecht konzentrieren. Dazu zählt auch das Verlegen von Truppen über weite Entfernungen, sei es der Transport von Vorauskräften mit dem Flugzeug, der Bahntransport oder der Straßen­marsch.

Die Zusammenarbeit mit unseren multinationalen Partnern werden wir weiter intensivieren. Aber Multi-nationalität ist kein Selbstzweck. Sie muss immer zu einer besseren Auftragserfüllung beitragen. Bereits heute ist das Heer auf dem Feld der Multinationalität gut aufgestellt. Erste Schritte, wie beispielweise die Unterstellung der niederländischen 11. Luftmechanisierten Brigade unter das Kommando der Division Schnelle Kräfte oder die vertiefte Zusammenarbeit der 43. Niederländischen Mechanisierten Brigade mit der 1. Panzerdivision, sind die besten Beispiele. Der Lackmustest dieser Kooperation wird ein gemeinsamer Einsatz sein. Davon unbenommen sind Fähigkeiten und Strukturen so zu erhalten, dass grundsätzlich auch ein eigenständiger Einsatz jederzeit möglich ist.

Ein weiteres Beispiel für die hervorragende Zusammenarbeit ist die Kooperation mit unseren amerikanischen Freunden. Ohne deren Unterstützung wäre der Erfolg in Nordafghanistan nie möglich gewesen. Diese enge Partnerschaft gilt es zu bewahren und mit allen Mitteln zu stützen. Es wird auch in Zukunft kaum einen Einsatz ohne Beteiligung der US Streitkräfte geben.

Ferner gilt es, nach Aussetzen der Wehrpflicht noch mehr als bisher die Reservisten zu umwerben. In den Ergänzungstruppenteilen und auf Spiegeldienstposten sind sie von unschätzbarem Wert. Nur indem wir aus­scheidende Soldatinnen und Soldaten für ein Engagement nach ihrer aktiven Zeit gewinnen, können wir langfristig vom großen Potenzial unserer Reserve zehren. Dabei haben auch die zivilen Arbeitgeber eine große Bedeutung. Denn ohne von der Notwendigkeit einer Reserve überzeugt zu sein, werden sie unsere Reservisten nicht für eine Dienstleistung freistellen.

Der Auftrag des Deutschen Heeres, jederzeit und auch kurzfristig einsatzbereite und einsatzfähige Kräfte bereit zu stellen, wird auch in Zukunft bestehen bleiben. Dazu müssen wir uns wieder auf unsere Kernfähigkeiten zurück besinnen; jede Truppengattung für sich und alle gemeinsam in Operationen verbundener Kräfte.