Als Military Assistant im Einsatz

Ein junger Offizier in der Welt der hohen Militärs – sich seinen eigenen Prinzipien bewusst werden

Von Chris Helmecke

Der Adjutant – eine auf den ersten Blick bekannte aber im Kern oft doch nicht ganz transparente Aufgabe für einen jungen Offizier. Jeder kennt das Bild eines den Koffer tragenden Offiziers, der einen Oberst oder General tief gestaffelt begleitet. Doch sollte dies wirklich alles sein? Was steckt hinter dieser Aufgabe? Und vor allem: Wie sieht solch eine Funktion unter den Bedingungen eines Einsatzes aus? Diese Fragen stellte ich mir, als ich gefragt wurde, ob ich als Military Assistant (MA)[1] des Kommandeurs des Provincial Reconstruction Team in Kunduz/Afghanistan (PRT KDZ) verwendet werden möchte. Es sollte eine Verwendung werden, die mit der Summe der gesammelten Erfahrungen meinen Horizont deutlich und nachhaltig erweitert und mein bisheriges Selbstverständnis als Soldat sowie Offizier gestärkt hat.

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Die Aufgabe des MA basiert vor allem auf persönlicher Sympathie und Vertrauen. Dies ist die Basis des Zusammenarbeitens und essentielle Voraussetzung. Insbesondere gleiche „Denkmuster“ spielen dabei eine entscheidende Rolle. Der MA muss Verständnis für die Bedürfnisse und Erwartungen des Vorgesetzten haben. So blickte ich gespannt auf mein erstes Treffen mit dem zukünftigen PRT-Kommandeur etwa fünf Monate vor Einsatzbeginn. Dies war für mich eine mit Anspannung erwartete Situation, ging es nicht nur darum, innerhalb weniger Minuten einen guten Eindruck zu hinterlassen, für den es nur sehr selten eine zweite Chance gibt, sondern auch für beide Seiten auszuloten, ob die „Chemie“ stimmt. Der Kommandeur empfing mich sehr offen und freundlich und nahm mir gleich diese angestaute Anspannung. Ich hatte von Beginn an den Eindruck, dass dies der Beginn eines engen, durch Vertrauen geprägten Arbeitsverhältnisses werden sollte und mir wurde bewusst, dass am Ende nicht der Dienstgrad, sondern der Mensch, seine Fähigkeiten und insbesondere seine Taten zählen. Ein Grundsatz, den ich verinnerlicht habe und immer versuche zu leben, insbesondere im Umgang mit meinen unterstellten Soldaten. Ich blickte positiv auf die bevorstehende Zusammenarbeit.

Eines der wichtigsten Prinzipien in der Tätigkeit als MA ist: Aufrichtigkeit. Dies betonte der Kommandeur schon bei unserem ersten Treffen. Seine persönliche  Meinung offen zu vertreten, auch wenn diese der des  Kommandeurs ggf. zuwiderläuft. Selbstverständlich musste diese durchdacht, fundiert und in angemessener Form vorgetragen sein. Ein Kommandeur braucht keine beständigen Ja-Sager, er braucht vor allem kritische Berater, die auch Rückgrat haben und bereit sind, auch eine abweichende Meinung zu vertreten. Dies gilt besonders für seine engsten Berater; neben etwa dem Chef des Stabes oder dem Stellvertreter zählt der MA zweifelsfrei dazu.

Ich war qua Funktion Teil dieses „engeren Kreises“ und erfuhr die Besonderheit, da ich als jüngster Offizier im Kreise der Stabsoffiziere auf Augenhöhe mitgenommen und gefordert wurde. In den ersten Tagen wurde bereits deutlich, was für die restlichen Monate galt: als MA ist man ständiger Begleiter des Kommandeurs und somit einer der wichtigsten Wissensträger. Dies galt im Besonderen in der Kommunikation in den Stab hinein mit Blick auf Umzusetzendes als Ausfluss aus der Vielzahl an Besprechungen und externen Termine. Ich denke, ich wusste annähernd alles, was der Kommandeur wusste. Natürlich gab es auch Dinge, die er nur mit seinem Chef des Stabes besprach, doch in den meisten das PRT betreffende Themen holte er mich dazu.

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Der MA war aufgrund seines Informationsstandes eine bedeutende Schnittstelle zwischen Kommandeur und Stab. Im Zuge dessen konnte ich mein Wissen über Stabsarbeit und die Funktionalität der verschiedenen Stabsabteilungen erweitern, im Gegenzug war ich für den Stab als MA oft Ansprechpartner, wenn es darum ging, von den fast täglichen mit hochrangigen afghanischen und multinationalen Vertretern geführten  Gesprächen des Kommandeurs, den Key Leader Engagements (KLE), zu berichten. Doch dabei galt für mich immer der eherne Grundsatz der Loyalität. Ich berichtete von den unterschiedlichsten Treffen, aber nie gab ich Einzelheiten zu Verhaltensweisen des Kommandeurs oder irgendwelche vertraulichen Informationen weiter. Ich nutzte auch nie meine herausgehobene Stellung zu meinem eigenen Vorteil aus. Ich denke, dass dies oft eine Herausforderung ist, mit der ein MA umzugehen zu lernen hat: Demut vor der Aufgabe und uneingeschränkte Loyalität ohne Blick auf eigene Interessenlagen oder persönliche Präferenzen. Das Vertrauen des Vorgesetzten nicht aufs Spiel zu setzten, muss über allem stehen. Der MA darf sich hier nicht zu Hybris verleiten lassen.

Dies führt mich zu einem Überblick über die Tätigkeiten als MA im damaligen PRT KDZ, Tätigkeiten, die kein Bestandteil der Offizierausbildung sind. Ich begleitete den Kommandeur, sei es auf den Fahrten innerhalb der Provinz zu den verschiedensten Vertretern der afghanischen Regierung oder auf Treffen mit Vertretern des internationalen Koalition in Mazar-E Sharif (MES) oder Kabul. Der Kommandeur traf sich fast täglich mit Vertretern der Provinz in Kunduz City und etwa einmal pro Monat mit jedem Distriktmanager. Etwa alle zwei Monate reiste er zu Besprechungen nach MES oder Kabul. Alle diese Termine mussten geplant und nachbereitet werden. Dies bedeutete viel Schreibtischarbeit, besonders wenn ich an die Protokolle der KLEs denke, die in englischer Sprache für das Regional Command North (RC N) verfasst werden mussten. Doch brachte mich dies sehr weit voran in meinem Umgang mit der englischen Sprache und führte mir die Herausforderung einer multinationalen Verwendung deutlich vor Augen. Ein heute fester Bestandteil von vielen Werdegängen, für mich mittlerweile auch ein erstrebenswerter.

Rückblickend auf alle KLEs (über 100), an denen  ich in Begleitung des Kommandeur teilnahm, stelle ich fest, welchen Auftrag wir eigentlich durchgeführt haben. Es waren keine taktischen Aufgaben, wie ich sie an der Offizierschule gelernt habe. Der Kommandeur übte hier eine Funktion aus, die nur selten militärische Züge umfasste. Es ging um querschnittliche und weitaus vielfältigere Aufgabe wie Entwicklungshilfe, sicherheitspolitische Aspekte, ethnische Konflikte sowie wirtschaftliche Hilfe. Alles Themen, die abseits oder in Begleitung von Operationen auf dem Gefechtsfeld weit in das Gebiet der Militärpolitik führen. In dieser Funktion spürte ich erst die weitaus vielfältigere Dimension dieses nur zum Teil militärischen Einsatzes, um den es ging. Das Gesamtbild ist gewaltig und der Soldat auf dem Gefechtsfeld sieht oft nur ein kleines – wenn auch vielleicht das entscheidende – Puzzlestück. Die Lehre des Puzzle-Bildes, das mir der Kommandeur immer wieder ins Bewusstsein rief, werde ich nie mehr vergessen. Es hilft mir hoffentlich in der Zukunft, Entscheidungen und Aufträge von übergeordneten Stellen besser einordnen und verstehen zu können.

Zu den organisatorischen Maßnahmen gehörten auch viele Termine mit afghanischen Vertretern im PRT, die koordiniert werden mussten. Dies machte ich nie als MA alleine, es war immer ein größeres Team aus dem Stab beteiligt, doch am Ende wurde immer der MA direkt durch den Kommandeur in die Verantwortung genommen, wenn etwas nicht nach seinen Vorstellungen lief. Diese Bürde muss man auf sich nehmen können. Dies ist ein weiteres Prinzip: man muss auch Verantwortung für Dinge übernehmen, die man nicht selber immer direkt beeinflussen kann. Loyalität und „Nehmerqualitäten“ sind in solchen Fällen definitiv gefragt.

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Die Aufgabe als MA hatte eine weitere sehr interessante Seite: ich erhielt einen Einblick in eine mir bis dahin unbekannte Welt, die Welt der taktisch-operativen Führung. Im PRT traf der Kommandeur viele internationale Militärs u.a. Generale aus Deutschland, dem Vereinigten Königreich und den USA, wie etwa den DSACEUR, den JFC-Commander oder den Inspekteur des Heeres. Einige traf ich nur ein paar Minuten, andere begleitete ich für wenige  Tage. Neben dem Einblick in  multinationale Zusammenarbeit, lernte ich vor allem ein gewisses Unbehagen im Umfeld von Generalen abzulegen. Nicht nur, dass ich viel in Gesprächen mit diesen Männern lernte, sie zeigten mir auch, dass sie „normale“ Menschen sind, die sich als Soldat und militärischer Führer einen Einblick in die Prozesse und Tätigkeiten vor Ort verschaffen wollten.

Besonders schätzte ich die Abendstunden im Stab. Aufgrund der vielen Berichte saß ich häufig  noch abends am Schreibtisch. Nach getaner Arbeit, in der Masse des Stabes war bereits das Licht aus, ging ich regelmäßig noch einmal in die Diensträume des Kommandeurs und des Chef des Stabes. Dann führten wir immer sehr viele und vor allem interessante Gespräche, bei denen auch der Humor nie zu kurz kam. Täglich hörte ich neue Anekdoten und profitierte auch so von dem Erfahrungsschatz dieser beiden langgedienten Generalstabsoffiziere. Oft sind es genau diese – teilweise auch nichtdienstlichen – Gespräche, die für einen jungen Offizier so lehrreich sind.

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Die Verwendung als MA in Afghanistan möchte ich nicht missen. Sie hat mich in meinem soldatischen Selbstverständnis geprägt, einen ganz neuen Einblick in die doch weite und differenzierte Welt der militärischen Aufgaben oberhalb der taktischen Ebene gegeben und insgesamt als jungen Offizier positiv vorangebracht.

 

 

Der Aufsatz sollte Prinzipien und Leitlinien für einen jungen Offizier anhand der Funktion als Military Assistant in Afghanistan verdeutlichen, wie etwa: Loyalität, Aufrichtigkeit, Mensch-Sein, Bedeutung des Handelns, Rolle des Militärs in der Vernetzten Sicherheit (Puzzle-Bild) und multinationales Arbeiten.

 

 

Hauptmann Chris Helmecke M.A., Kompaniechef 2./Panzergrenadierbataillon 401, Hagenow



[1]    Die Begriffe Adjutant und Military Assistant erscheinen zunächst als Synonym, müssen aber im Folgenden differenziert werden. Der Military Assistant hat neben den administrativen Aufgaben eines Adjutanten zusätzlich auch inhaltliche Aufgaben und fachliche Beratung zu leisten.